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mardi, 17 octobre 2017

Die tiefere Ursache des Infantilitäts-Syndroms: der Verlust an Realität

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Die tiefere Ursache des Infantilitäts-Syndroms: der Verlust an Realität

Von Jürgen Fritz

Was steckt im innersten Kern all der Fehlentwicklungen der westlichen Welt der letzten Jahrzehnte, die unsere gesamte Existenz, die das Überleben unserer einzigartigen Kultur, all dessen, was uns lieb und teuer ist, massivst bedrohen? Es ist der Verlust an Realität. Wie konnte es dazu kommen und wie kann dieses Infantilitätssyndrom geheilt werden?

Größte Gefahr der Moderne: der Verlust an Wirklichkeit

„Die größte Gefahr in der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust an Wirklichkeit“, formulierte die große philosophisch sehr gebildete Politologin Hannah Arendt bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert. Und an anderer Stelle:

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“

Und in der Tat ist genau dies eingetreten, der Verlust an Wirklichkeit, und hat unsere Gesellschaft im Innersten marode und schwach gemacht. Was kann dem entgegengesetzt werden? Wie können wir von Grund auf gesunden? Meine These: nur durch die Rückgewinnung der Realität.

Moderner metaphysischer Realismus

Dazu aber muss unser Weltbild von Grund auf, im innersten Kern reformiert, modifiziert, neu strukturiert werden, was kein leichtes Unterfangen darstellt. Denn hier geht es ans Eingemachte. Der moderne metaphysische Realist glaubt, a) dass es Gegenstände, Systeme, Zustände und Ereignisse in der Welt gibt, die bestimmte Strukturen und Relationen zueinander aufweisen. Er glaubt, dass es eine Außenwelt außerhalb seines Bewusstseins tatsächlich gibt, dass dies kein reines Konstrukt seines Geistes ist. Er glaubt, dass sich nicht alles nur in seinem Bewusstsein abspielt (Außenweltforderung).

Ich glaube also, dass es Sie, die Sie diesen Text jetzt gerade lesen, wirklich gibt und Sie nicht nur in meinem Geist vorkommen, dass Sie nicht ein Produkt meiner Phantasie sind. Ich glaube also an den Primat der Wirklichkeit vor meinem Bewusstsein, welches sich in der Welt befindet, und nicht, dass sich die Welt in meinem Kopf, genauer: in meinem Geist befindet (egozentristische Position).

Der moderne metaphysische Realist glaubt ferner, b) dass diese Außenwelt unabhängig davon existiert, ob Menschen oder andere erkenntnisfähige Wesen existieren, unabhängig auch davon, wie diese die Welt beschreiben, was sie für wahr halten und aus welchen Gründen sie dies tun. Er glaubt also an die Autonomie der Wirklichkeit (Autonomieforderung). Selbst wenn wir alle aussterben würden, so gäbe es also noch immer die Erde, Bäume, Sand, Wasser, andere Planeten, Sterne, Galaxien, Gravitation und Gravitationswellen, Schwarze Löcher und Naturgesetze etc.

Epistemologischer Realismus

Der erkenntnistheoretische (epistemologische) Realist glaubt über die Außenweltforderung (a) und die Autonomieforderung (b) hinaus, dass die Wirklichkeit (Realität) für Menschen zu einem erheblichen Teil zuverlässig erkennbar ist (Zugänglichkeitsforderung). Er glaubt also an die nicht vollständige, aber grundsätzliche Zuverlässigkeit seines Erkenntnisapparates, denn wäre dieser völlig unzuverlässig, wäre die Außenwelt für unsere Geist nicht zugänglich, wäre das Überleben der menschlichen Spezies über Jahrmillionen eher unwahrscheinlich gewesen.

Darüber hinaus glaubt der epistemologische Realist, d) dass die bestätigten und weithin akzeptierten Behauptungen über die Wirklichkeit, z.B. dass die Erde keine Scheiben-, sondern eine Kugelform hat, dass es Gravitationswellen gibt etc., sich tatsächlich zum größten Teil auf die Elemente der Wirklichkeit beziehen, sie also eine wahre Beschreibung der Welt mit ihren Entitäten liefern (Referenzforderung), was natürlich die Irrtumsmöglichkeit in Einzelfällen nicht ausschließt. Aber jemand, der sich immer irrte, könnte ja seine Irrtümer gar nicht zuverlässig erkennen, da das Erkennen des Irrtums dann ja auch wieder ein Irrtum wäre.

Irrtum, Erkenntnis, Illusion und Halluzination

Der Irrtum ist für den epistemologischen Realisten also nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Unsere Vorstellungen und Ideen beziehen sich, wenn sich richtig, wenn sie wahr sind, auf die Wirklichkeit, haben Referenzobjekte in dieser zum Bezugspunkt und gehen im Gegensatz zu rein fiktiven Ideen, im Gegensatz zu Phantasmen nicht ins Leere.

Für den epistemologischen Realisten besteht mithin ein fundamentaler Unterschied zwischen echten Erkenntnissen (zu meinen, da steht ein rotes Auto und es steht dort wirklich ein solches), Illusionen (das Auto ist nicht rot, sondern grün) und Halluzinationen (da steht gar kein Auto).

Zurück zur Realität

Ich selbst habe immer und zu jedem Zeitpunkt meiner Existenz seit ich denken kann an alle vier Forderungen a bis d (Außenwelt-, Autonomie-, Zugänglichkeits- und Referenzforderung) geglaubt, bin mithin durch und durch 1. ein metaphysischer und 2. ein epistemologischer Realist (zugleich aber ein moralischer Idealist). All die Errungenschaften, die wir die letzten Jahrhunderte und Jahrtausende erzielten, basieren just auf diesem Weltbild, dem metaphysischen und espistemologischen Realismus. Wer dies nicht zu Grunde legt, kann ja keine Wirklichkeit erforschen, weil er glaubt, dass es sie gar nicht gibt respektive es sie zwar gibt, sie für uns aber nicht erkennbar wäre.

Und ich bin sicher, dass nach der Verirrung der letzten Jahrzehnte – Stichwort: Relativismus, Konstruktivismus, Subjektivismus, alles entwickelt von zweit- und drittklassigen Denkern und alles längst widerlegt von modernen erstklassigen Philosophen, – der abendländische Geist, so er überleben wird, sowohl zum metaphysischen als auch zum epistemologischen Realismus zurückkehren wird. Dann kann das Infantilitätssyndrom, welches die westliche Welt ergriffen, durchdrungen und vielfältig gelähmt hat, endlich wieder überwunden werden. Dies wird die Rückkehr der Realität sein.

Realitätssinn, Sehnsucht nach Verzauberung der Welt und moralischer Idealismus

Das widerspricht übrigens nicht dem Bedürfnis, ja der Sehnsucht nach Verzauberung der Welt und auch nicht dem moralischen Idealismus, sich eine bessere Welt zu wünschen und sich aktiv dafür einzusetzen. Der Infantile sucht diesen Zauber, dem auch ich nicht wenig zugeneigt bin, nur an der völlig falschen Stelle. Zauber und Realitätssinn schließen sich nicht aus. Sie können einander ergänzen. Das muss nicht unter Preisgabe der Realität erfolgen. Dann nämlich wird es gefährlich!

Die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen – nach meiner eigenen philosophischen Analyse, eine der drei Sinndimensionen des menschlichen Daseins – hat wiederum nur dann eine reale Chance auf Verwirklichung, wenn die Wirklichkeit in ihrem Sein zunächst in einem ersten Schritt ganz realistisch erkannt und beschrieben wird, um genau zu wissen, was der Status quo ist (Ausgangspunkt A), um dann ein Ideal zu entwerfen, ein Ziel (Z), welchem man sich sodann in vielen kleinen Schritten versuchen kann, immer mehr anzunähern.

Moralischer Idealismus, metaphysischer und epistemologischer Realismus ergänzen sich ideal

Moralischer Idealismus, welcher sich nicht auf das Sein, sondern auf das Sein-sollen, nicht auf A, sondern auf Z bezieht und eines idealistischen Überschusses essentiell bedarf, und metaphysischer sowie epistemologischer Realismus, welche sich auf das Sein selbst, auf A sowie dessen Erkenntnis und Anerkennen bezieht, ergänzen sich also geradezu ideal, während metaphysischer Idealismus – es gibt gar keine Außenwelt außerhalb meines Geistes, es gibt gar keine Welt, sondern nur meine Ideen – und epistemologischer Idealismus – die Wirklichkeit ist ohnehin nicht erkennbar, also mache ich mir die Welt, wie sie mir gefällt – nicht selten in völlig realitätsferne Spinnereien ausarten. Solche Phantasiewelten für die wahre Welt zu halten, mag kleinen Kindern bis zu einem gewissen Alter angemessen sein, einem Erwachsenen aber ist dies unwürdig.

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