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vendredi, 17 juin 2016

Der Abstand als Tugend

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Der Abstand als Tugend

von Pierre Aronnax

Ex: http://www.blauenarzisse.de

Anmerkungen zur jüngsten Distanzierungsdebatte innerhalb der Neuen Rechten. Neue Rechte verstanden als demokratische Rechte. Von Pierre Aronnax.

Zur politischen Realität der Neuen Rechten gehört, dass sie noch immer gesellschaftlich marginalisiert ist. Natürliche Folge dessen ist, dass allerlei Überlegungen angestellt werden, wie sich dieser Zustand ändern ließe, was in unregelmäßigen Abständen zumeist anlassbezogen zu Debatten über den Umgang mit dem politischen Katzentisch führt. Aufhänger diesmal: Frühere antisemitische Äußerungen des AfD-​Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon in Baden-​Württemberg.


Geäußert haben sich in dieser Sache neben geifernden Medien selbstredend auch die AfD-​Führung, die nun einen Parteiausschluss des Betroffenen fordert. Aber auch Felix Menzel, Herausgeber der Blauen Narzisse, veröffentlichte einen Facebook–Kommentar zum Geschehen. Darin trat er im Wesentlichen für die Freiheit des Wortes ein, ohne jedoch unerwähnt zu lassen, dass er „prinzipiell alle persönlichen Distanzierungen“ ablehne. Ebenfalls in den letzten Tagen erschien die neueste Ausgabe der Zeitschrift Sezession, in der Chefredakteur Götz Kubitschek sich, wenngleich in anderem Zusammenhang, ähnlich äußerte. Dieser Haltung soll im Folgenden widersprochen werden.

„Anstand besitzt nur, wer mit Nachdruck die Meinungsverschiedenheiten betont.“ (Dávila)

Im Zusammenhang mit der Distanzierung von rechts nach weiter rechts wird gerne auf einen Ausspruch von Günther Maschke rekurriert, den dieser im Jahr 2000 in einem Gespräch mit der Jungen Freiheit tätigte: „[Ich] werde mich deshalb auch nicht abgrenzen. Nicht weil es keine Unterschiede gebe, sondern weil die falschen Leute dazu auffordern und man das außerdem nicht vor den Ohren des gemeinsamen Feindes tut.“ Dieser Argumentation liegt nun ein Problem zugrunde: Sie ist keine. Zumindest dem Autor will der apodiktische Imperativ nicht einleuchten. Zumal dieser offenbar auch nur gilt, wenn das Subjekt der Distanzierung weiter rechts als man selbst steht: Mit Distanzierungen gegenüber Rechten, die näher an die Mitte heranreichen als der sonst so über die Abgrenzung Besorgte, tut man sich nicht annähernd so schwer, was folglich interessante Fragen an den aufwirft, dem es doch gerade um die Stärkung des eigenen Spektrums gehen will.

Zwar ist richtig, dass man als Lager insgesamt die Darstellung seiner Geschlossenheit aufs Spiel setzt, wenn man sich dergestalt verhält – jedoch nur, wenn man diejenigen, die von einer derartigen Distanzierung betroffen sind – sei es persönlich oder qua ideologischem Umschlag – tatsächlich als Teil eben dieses Lagers begreift. Genau an diesem Punkt setzt aber gerade die innere Logik der Distanzierung an: An der Grenzziehung. Martin Sellner von den österreichischen Identitären äußerte sich dahingehend vor einiger Zeit sehr deutlich: „Frei nach Nietzsche ist unsere größte Sorge nämlich die, „falsch verstanden zu werden“ und nicht mit gewissen Leuten in ein Lager gerechnet zu werden. Aus diesem Grund sagen wir klar, was wir sind und was wir nicht sind.“

Verwechslung von Ursache und Wirkung

Thor von Waldstein hatte im Zusammenhang mit der Distanzierung nach rechtsaußen in einem IfS-​Vortrag, der auch als Antaios–Kaplakenband Metapolitik vorliegt, einen weiteren Punkt ins Feld geführt, der so nicht stehenbleiben kann. Erstens, weil er nicht stimmt und zweitens, weil er Ursache und Wirkung verwechselt. So kritisiert er Abgrenzungsbestrebungen auf Seiten der Rechten mit dem Hinweis darauf, dass innerhalb der Linken eine „Kultur der Solidarität“ herrsche und eine entsprechende „Kultur der Selbstdenunziation“ wesentlich die Schwäche der Rechten bedinge. Dass die Linke sich nicht innerhalb ihres Lagers distanzieren würde, hat als rechte urbane Legende zu gelten: Wer über die ständigen jahrzehntelangen internen Strategie– und Ideologiedebatten (und die dazugehörigen mitunter handfesten Auseinandersetzungen) der Linken hinaus einen Beweis für diese These benötigt, der bemühe den Internet-​Suchdienst Google und nehme die für die exemplarische Suchanfrage „Linke distanziert sich“ 434.000 dargestellten Suchergebnisse zur Kenntnis.

Träfe die These von Thor von Waldstein jedoch zu, würde dergestalt Ursache und Wirkung miteinander verwechselt werden, als gerade die gesellschaftliche Stärke der Linken ihnen die ausbleibende Distanzierung ermöglichen würde und jene Stärke eben nicht darauf zurückzuführen wäre: Die Linke ist nicht stark, weil sie sich nicht voneinander distanziert, sondern sie distanziert sich nicht, weil sie stark ist.

Neben der Schwächung des vermeintlichen eigenen Lagers sind aber ebenso oft Einwände gegen die Distanzierung dahingehend vorgebracht worden, dass diese lediglich einen Kniefall vor „dem System“ bedeuteten. Manfred Kleine-​Hartlage brachte dies in einem Artikel für das Magazin Zuerst vom 20. März 2015 folgendermaßen zum Ausdruck: „Sie [die sich Distanzierenden, Anm. d. Verf.] wetteifern geradezu in dem vergeblichen Bemühen, die entsprechenden Etiketten dadurch selbst loszuwerden, daß sie sie dem ideologischen verwandten, womöglich nur um Nuancen weiter rechts stehenden Geistesverwandten aufkleben – selbstverständlich ohne den erhofften Judaslohn, nämlich die Zulassung zu den meinungsbildenden Eliten, jemals einzustreichen.“

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Intrinsisch motivierte Abgrenzung

Bereits in einem früheren Beitrag wies der Autor darauf hin, dass die Rechte sich zu viel mit dem Willen zur Macht und zu wenig mit der Psychologie befasst. Und genau in diesem Sinne sei an dieser Stelle näher auf das obige Argument eingegangen. Wer also ist Zielgruppe des Aktes der Distanzierung? Distanziert man sich von einer Position auf derselben Seite des politischen Spektrums, so bieten sich dafür jener zwei an: Das mediale und kulturelle Establishment und der Staat. Dem Establishment gegenüber will man damit in erster Linie Anschlussfähigkeit signalisieren, dem Staat die eigene Unbedenklichkeit, die vor Repressionen schützen soll. Den dritten, gerade im metapolitischen Sinne wesentlich wichtigeren Adressaten lassen die Distanzierungskritiker aber stets außen vor: die eigenen potentiellen Anhänger.

Diesen gegenüber macht man mit der Distanzierung nämlich vor allem eines deutlich: Wer man ist – und wer man dementsprechend nicht ist. Warum ist das von Belang? Weil Menschen sich nicht einfach irgendwem anschließen. Sie wollen über die Sicherheit gegenüber Repressionen und das eventuelle Wohlwollen des Establishments hinaus ganz sicher mindestens eines: Sich mit Menschen zusammentun, die eine politische Vision vertreten, die sie unterstützen können – die sie selbst teilen. Sie wollen schlicht nicht mit bestimmten Leuten mit bestimmten politischen Vorstellungen gemeinsame Sache machen. Nicht weil sie Angst vor „dem System“ haben, sondern, weil sie diese Absichten nicht mittragen können und wollen. Und genau deshalb ist es wichtig, ihnen zu signalisieren, dass wir – sofern es denn zutrifft – eben jene Leute nicht sind.

Der Verzicht auf die Distanzierung nimmt zu viel Rücksicht auf die vermeintlich eigenen Leute und zu wenig auf die, die es noch werden sollen und es dann auch tatsächlich wären. Verantwortlich ist hier ein gängiges Phänomen politischer Randgruppen: Die übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Milieu unter Vernachlässigung des eigentlich Bedeutsamen, nämlich dem Einflussgewinn innerhalb der Gesellschaft, die man zu ändern angetreten ist. Man kann sich nach weiter rechts distanzieren und sich dennoch nicht verbiegen, wenn man nämlich das tut, was so oft – gerade in unseren Reihen – eingefordert wird: Ehrlich sein und sagen, was man denkt. Nicht einknicken.

Diesmal nämlich nicht gegenüber dem Establishment, sondern gegenüber Strömungen der Rechten, die man nicht als sinnvolle Bereicherung des Spektrums, sondern sogar als schädlich begreift: Nicht bloß für die eigene Sache – sondern für das ganze Volk. Und indem man das tut, stärkt man nicht nur seine eigene Position, sondern ebenso sein tatsächliches Lager, indem man all denen, die bisher skeptisch waren, den Zugang dazu ermöglicht, weil man endlich und unnachgiebig seine Stellung bezogen hat – eine Stellung, die im Gegensatz zu denen der „Sackgassenbewohner von rechtsaußen“ (Kubitschek) Millionen in diesem Land teilen und zu unterstützen bereit wären.

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