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mardi, 26 mai 2020

Die konservative Gegenrevolution

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Die konservative Gegenrevolution

Der Kulturkampf der Begriffe

Wir erleben einen Kulturkampf der Begriffe. Zwei konträre Milieus ringen um die Definitionsmacht, um die Macht über unsere Worte, unsere Begriffe, unser Denken. Wer seine Vorstellung nicht mehr aussprechen darf, dessen Denken wird in der Öffentlichkeit nicht mehr begriffen.

Das kulturmarxistisch geprägte linke Lager hat sich die Massenmedien angeeignet, vor allem die öffentlich-rechtlichen.  Jede parteipolitische Absonderung linker Herkunft wird dort begierig aufgenommen und verbreitet, zum Beispiel Phrasen wie Gerechtigkeitslücke, neue Armut oder Klimaleugner.  Man ist durch linksradikale Politologen bis in die Herzkammer der Demokratie vorgestoßen, den Verfassungsschutz. Begriffe wie Umvolkung oder Bevölkerungsaustausch stehen unter Verdacht.

Worte und Begriffe beschreiben, wie ein Mensch Wirklichkeit erlebt. Das bürgerlich-konservative Lager ist mehrheitlich ahnungslos oder überrascht. Es läßt sich einen Begriff nach dem anderen wegnehmen und mit ihm seinen Anspruch, soziale Wirklichkeit zu gestalten. Weggenommen wird ein Begriff durch Tabuisierung. Sie kann auf vielen Ebenen erreicht werden.

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Wer seine Worte und Begriffe nicht mehr sprechen darf, dessen Denken entleert sich. Er wird gefesselt an die verbalen Vorgaben seiner Beherrscher.
Das phantastische Gemälde von Alen Kopera (2017) kann als Allegorie darauf verstanden werden, daß unsere Redefreiheit immer weiter eingeschränkt wird.

Der in der CSU geprägte Begriff Asyltourismus beschreibt eine konkrete Beobachtung. Er bringt ein bestimmtes Geschehen auf den Begriff. Das dahinter stehende Denken wird angegriffen, indem erst medial gegen den Begriff gehetzt wird. Später wird er zum „Unwort“ erklärt, schließlich tabuisiert. Wer ihn noch benutzt, stellt sich ins „gesellschaftliche Abseits“. Es ist das Abseits derselben  ehrenwerten Gesellschaft, die 1968 ihren Marsch durch die demokratischen Institutionen begonnen hatte, jetzt in den Chefsesseln sitzt und so intolerant ist wie je eine geistig totalitäre Bewegung vor ihr.

Die Ultima ratio der Tabuisierung ist das Strafrecht. Wer zum Beispiel die Volkswirtschaft mit einem Organismus vergleicht und das Wort Sozialschmarotzer auf eine in Deutschland lebende Bevölkerungsgruppe anwendet, kann wegen Volksverhetzung angeklagt werden.

Die neomarxistische Linke setzte schon früh auf das

„Entwenden“ und die Umdeutung von Begriffen, um über den Moment der dadurch ausgelösten Entfremdung eine neue Sicht auf gesellschaftliche Zusammenhänge herbeizuführen. Der antiautoritäre Flügel des SDS setzte es 1966 in der Plakataktion „Erhard und die Bonner Parteien unterstützen Mord“ ein. Er übertrug den Strafrechtsbegriff auf Regierungshandeln und provozierte damit die Öffentlichkeit und den SDS.

Anonymus, Magie der Träume. Was die 68-er Bewegung heute bedeutet, taz 5.4.2018.

Kulturrevolution …

Worte, Vorstellungen, Veranstaltungen und Institutionen wurden von der Linken in ihrem revolutionären Sinne „umfunktioniert.“ Dabei handelten sie in guter sozialistischer Tradition. Stalin hatte sie begründet und Hitler nachgeahmt. In einer Presseanweisung vom 22.10.1936 hieß es aus dem Reichspropagandaministerium:

„Es muß immer wieder festgestellt werden, daß in der deutschen Presse noch Nachrichten und Schilderungen erscheinen, die geradezu von einer selbstmörderischen Objektivität triefen und in keiner Weise verantwortet werden können. Man will keine Zeitungsgestaltung im alten liberalistischen Sinne, sondern will, daß jede Zeitung mit den Grundsätzen des nationalsozialistischen Staatsaufbaues in eine Linie gebracht wird. So ist es untragbar, wenn Sowjetgrößen, die Juden sind, als Arbeiter bezeichnet werden.“[1]

Der Begriff Arbeiter löste nämlich eine positive Assoziation aus, weil sich die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei selbst ausdrücklich als eine Partei der Arbeiter verstand. Diese durften keinesfalls mit etwas Negativem in Verbindung gebracht werden, Arbeiter waren sakrosankt, und Juden so zu bezeichnen tabu.

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Wie George Orwell erkannte, geht es immer um die Veränderung der beim Hören eines Worten hervorgerufenen Assoziationen. Viele herkömmliche Worte und Begriffe wurden in ihrem Sinn und Bedeutungszusammenhang durch eine Art staatlich kontrolliertem „Neusprech“ „unmerklich verändert“, wodurch sie „die meisten ihnen sonst anhaftenden Gedankenverbindungen verloren.“[2]

Dieser Zusammenhänge ist sich der Linksextremismus stets bewußt geblieben:

Wie Ludwig Wittgenstein uns lehrt, sind Wörter keine Fenster zur Welt, sondern Wörter konstruieren Welt, sie strukturieren unsere Gefühle, unsere Sinne, unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung. »Denn, wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind«“, bemerkt Robert Habeck in seinem lesenswerten Essay ‘Wer wir sein könnten’. In der Politik folgt der Sprache das Handeln.[3]

Bruno Heidlberger, Konservative Kulturkritik und die Politik der Spaltung. Über Hypermoral und sprachliche Verwirrspiele. 18.2.2020.

Seine Herrschaft stützt sich darum wesentlich auf die Macht über die Massenmedien. In ihnen haben die Systemveränderer von 1968 ihr Eldorado gefunden. Sie lassen sich zum Beispiel beraten von Elisabeth Wehling, die der ARD 2017 ein Framing-Manual schrieb. Ein Studienschwerpunkt der Linguistin und Soziologin Wehling war die nationalsozialistische Propaganda. Sie hat viel aus ihr gelernt. Es geht um die unterschwellige Beeinflussung der Massen. Sie sollen in ihrem Denken und Fühlen stramm auf sozialistischen Kurs gebracht werden.

Die ARD-Beraterin denkt kollektivistisch. Während einer Liberaler seufzen würde, dem Staat Steuern zu zahlen, denkt Wehling vom Kollektiv her. Sie empfiehlt, wir sollten nicht mehr davon sprechen, dem Staat „Steuern zu zahlen“, sondern „Beiträge leisten“. Es bezieht sich nämlich immer „auf ein Kollektiv“, gemeinsam zu etwas „beizutragen.“ Die

„Semantik des durch zahlen erweckten Frames impliziert keine kollektive Unternehmung, sondern schlicht eine Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer. Der Frame impliziert weder eine Gemeinschaft und Verbundenheit, noch ein kollektives Handlungsziel. Wendet man das Konzept nun auf den Staat an, so läßt es ihn als eine von den Bürgern getrennte Entität erscheinen.“

Elisabeth Wehling, Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, 2018, S.105, 107.

Der „kollektive Handlungszweck“ werde ausgeblendet.[4]

… und Gegenrevolution

Ausgerechnet alt-68er Linke wie Heidlberger, die selbst die traditionellen Werte und Begriffe umfunktioniert hatten, jammern heute über Konservative, die ihnen die Methoden abgeguckt haben und gegen sie wenden. Die 68er-Kulturrevolution hatte eine kulturmarxistische Umpolung aller Begriffe unternommen. Die schon laufende konservative Gegenrevolution entreißt sie ihnen wieder. Heidlberger polemisiert vergebens gegen von Konservativen verwandte Begriffe:

Unehrliche Politik beginnt immer mit der Sprache. Dann verwandelt sie sich in Propaganda. Sie wirkt wie eine fremde Invasion und schleicht sich in unser Gemüt, in unsere Gespräche, in unsere Gedanken und zerstört deren Klarheit. Oft ist es eine oft gehörte Erzählung, die den Tatsachen scheinbar Sinn verleiht, so beispielsweise die Erzählungen vom „Volks-Tod“, der „Einwanderung“ in die Sozialsysteme, dem „Unrechtsstaat“, von „Klimareligion“, „grüner Verbotspartei“, „Öko-Faschismus“, dem „links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland“ oder der „Hypermoral“.

Bruno Heidlberger, am angegebenen Ort.

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Ja, mit Propandasprache, die sich ins Gemüt schleicht, kennen Alt68-er sich gut aus: sie haben sie zwar nicht erfunden, aber übernommen. Gegen das Demokratieverständnis des Grundgesetzes hatten 68er das sozialistische, kollektivistische Erbe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao gewandt. Die Grundwerte der Freiheit und der Demokratie verstanden sie nur im Rahmen ihrer Ideologie. Sie hielten unsere Demokratie für ein kapitalistisch-faschistisches Syndrom. Darum handelten sie nach der Devise:

„Jede Strategie der Überwindung eines Herrschaftssystems muß mit seiner De­le­gitimierung beginnen. Hauptwaffe ist der Tabubruch. Er ist der erste Schritt zur nötigen Umwertung der Werte. Diese beginnt mit dem gezielten Lächerlich­ma­chen der gegnerischen Ideologeme, soweit diese nicht angeeig­net und umge­polt werden können wie z.B. das Demokratieprinzip.“

Klaus Kunze, Wege aus der Systemkrise, in: Andreas Molau, Opposition für Deutschland, 1995, 202 ff. (216).

Das meinte der zum Kanzler gewählte Willy Brandt, mit Demokratie fange man jetzt erst richtig an. An die Stelle früherer geistiger Freiheit ist seitdem ein rabiat verteidigter linker Konformismus und Egalitarismus getreten. Mit kollektivistischem Moralismus werden die Bastionen der zu Rang und Würden aufgestiegenen Alt-68er und ihrer Epigonen verteidigt.

Die Usurpierung von Begriffen durch die 68-er Kulturrevolution und ihr moralistischer Mißbrauch gehören zu den ausgefeilten Herrschaftstechniken des Sozialismus seit der Revolution von 1789 und der Oktoberevolution von 1917. Ihr kann nur mit verbaler Subversion begegnet werden. Diese ist eine Abwehrwaffe in dem Kulturkampf, den der Linksextremismus seit 50 Jahren gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre konservativen Denker führt.

Deren Aufgabe ist ein intellektueller Gegenentwurf, der den alten Begriffen wieder ihren ursprünglichen Sinn verleihen wird. Altlinke Kader haben in den Medien, der Politik und den Gesellschaftswissenschaften unermeßlichen Flurschaden angerichtet und mit den alten Begriffen auch alte Gewißheiten zerstört: sozialistische Heilsgewißheit trat anstelle der Gewißheit dessen, was zwischenmenschlich immer gilt. Heute gilt es, aus dessen Trümmern eine Zukunft zu schaffen, deren Erhaltung sich lohnt.


[1] Walter Hagemann, Publizistik im 3. Reich, Hamburg 1948, S.32, hier zit. nach Poliakov / Wulf, S.440.

[2] George Orwell (1950 / 1984), S.277.

[3] Bruno Heidlberger 18.2.2020.

[4] Wehling (2018), S.105, 107.

lundi, 24 février 2020

Dekonstruktion, Fragmentierung und Schizophrenie – zur Psychopathologie des Genderwahnes

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Dekonstruktion, Fragmentierung und Schizophrenie – zur Psychopathologie des Genderwahnes

Wie Genderwahn und Schizophrenie Hand in Hand gehen

Einzelne Menschen können psychisch erkranken. Es gibt aber auch soziale Pathologien. Diese können Analogien und Verwandtschaften mit den Gesetzmäßigkeiten und Verwandtschaften des Individuellen haben.[1]

So ist  dem Psychotherapeuten Prof. Stavros Mentzos (1930-2015) die bemerkenswerte Korrespondenz zwischen der Selbst-Fragmentierung in der Psychose und der Dezentrierung und Inkonsistenz in der Postmoderne aufgefallen. Unter Postmoderne versteht Mentzos den Oberbegriff auf über diejenigen philosophischen Strömungen, die unter anderem als Dekonstruktivismus und Genderismus in bestimmten Milieus an Boden gewinnen. Eine strukturelle Homologie zwischen der Fragmentierung des Ichs in der Schizophrenie und der Dekonstruktion sozialer Zusammenhänge wie im Genderismus ist unübersehbar. Sie wirft die Frage nach der Psychopathologie eines Teils unserer Gesellschaft auf.

Beim schizophrenen Menschen fragmentiert die basale Persönlichkeit sich, gerade so wie wir in der Gesellschaft unserer Abspaltungen und Fragmentierungen antagonistischer Milieus beobachten können. Wenn die Psychatrie die Entpersönlichung des Schizophrenen mit dem Bild einer in viele Sandkörner zerfließenden Sandburg beschreibt, erleben wir einen analogen Verlust der gesamtgesellschaftlichen Bindungskräfte: Früher gemeinschaftliche Sinnstiftungen, Wertüberzeugungen und Identitäten rinnen uns wie Sand durch die Finger.

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Die Persönlichkeit des Schizophrenen zerbricht in Fragmente, die sich abspalten.
(Gemälde des Künstlers Alen Kopera)

Kranke Gesellschaft?

Im engeren Sinne kann nur eine Person erkranken, keine Gesellschaft.[2] Die Zerfallserscheinungen der Psyche in der Schizophrenie haben aber ihre Entsprechung in gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen. Diese bestehen in einem drastischen Verlust der sozialen Gestaltwahrnehmung. Ideologien wie der Genderismus halten soziale Einheiten wie Familien und Völker nicht für reale Gegebenheiten. Diese beruhten lediglich auf Konventionen und seien konstruiert, vermutlich, um bestimmte Minderheiten zu unterdrücken. Selbst die Existenz zweier verschiedener Geschlechter wird geleugnet. Wer so denkt, muß sich die Frage nach seiner geistigen Gesundheit gefallen lassen.

Der Psychiater Burkhard Voß hat in seinem 2015 erschienenen Buch “Deutschland auf dem Weg in die Anstalt” das Thema aufgegriffen und stellt fest:

„Die Auflösungsprozesse innerhalb der schizophrenen Psychose und innerhalb der postmodernen Gesellschaft sind nicht nur nahezu deckungsgleich, sondern sie haben auch die gleichen schwerwiegenden Folgen“[3]

Burkhard VOß, Deutschland auf dem Weg in die Anstalt, Münster 2015, S. 135.

Psychiater sprechen eine für Laien oft schwer verständliche Fachsprache, ebenso wie Philosophen und Politologen ihre eigenen Fachbegriffe haben. Die Begrifflichkeien der verschiedenen Wissenschaften decken sich nicht. Darum haben Philosophie und Psychiatrie bisher nicht genug voneinander Kenntnis genommen. Dem soll hier abgeholfen werden.

Der 2015 verstorbene Psychiater Prof. Mentzos hat die Frage aufgeworfen:

“Sind vielleicht diese beschriebenen Gestaltähnlichkeiten und Analogien zwischen psychotischen und Borderline-Vorgängen und bestimmten geschichtlichen oder gesellschaftlichen Prozessen bloß interessant, aber eigentlich nur zufällig, oder weisen sie doch auf eine dahinterstehende, ebenfalls analoge Dynamik oder Problematik oder sogar auf eine gemeinsame Ursache hin?”[4]

Stavros MENTZOS, Die bemerkenswerte Korrespondenz zwischen der Selbst-Fragmentierung in der Psychose und der Dezentrierung und Inkonsistenz in der Postmoderne, in: Günter Lempa und Elisabeth Troje (Hrg.), Gesellschaft und Psychose, Göttingen 2002, S.50-67 (58).

Diese Frage läßt sich beantworten, wenn man die strukturellen und funktionalen Parallelen zwischen postmoderner Philosophie und Symptomen psychischer Erkrankungen wie Borderline und Schizophrenie genauer betrachtet.

Fragmentierung und Auflösung der Person in der Schizophrenie

Anke Engel, eine der zentralen Figuren der „Queer“-Bewegung in Deutschland, führte einen Verein an, dem Susanne Baer ihr GenderKompetenzZentrum übergeben hat. Sie bezieht sich in ihrer Dissertation auf Judith Butler, die Nestorin des Genderismus. Man müsse die „Binarität“, also die Zweigeschlechtlichkeit, „denaturalisieren“, indem man „auf die Konstruiertheit und Kontingenz geschlechtlicher und sexueller Identitäten“ verweist.

»Ziel dieser Arbeit ist es, VerUneindeutigung und Destabilisierung als Strategien in einem zu entwickelnden Konzept der Repräsentationspolitiken plausibel zu machen. Es geht nicht darum, Ambiguität, Instablität und Kontingenz als Abbild oder Annäherung an eine geschlechtliche „Wahrheit“ zu behaupten, sondern VerUneinheitlichung und Destabilisierung als kontextuelle Praktiken in historisch und kulturell spezifischen Machtverhältnissen vorzustellen.«

Anke Engel, Wider, die Eindeutigkeit, 2002

Wie das praktisch funktionieren soll, schilderte René Pfister (im SPIEGEL 1/2007) am Beispiel eines Vereins “Dissens” für eine „aktive Patriarchatskritik”:

»So spielten Dissens-Mitarbeiter bei einer Projektwoche mit Jungs in Marzahn einen “Vorurteilswettbewerb”, an dessen Ende die Erkenntnis stehen sollte, daß sich Männer und Frauen viel weniger unterscheiden als gedacht. Es entspann sich eine heftige Debatte, ob Mädchen im Stehen pinkeln und Jungs Gefühle zeigen können, Sätze flogen hin und her. Am Ende warfen die beiden Dissens-Leute einem besonders selbstbewußten Jungen vor, “daß er eine Scheide habe und nur so tue, als sei er ein Junge”, so steht es im Protokoll.

Einem Teenager die Existenz des Geschlechtsteils abzusprechen ist ein ziemlich verwirrender Anwurf, aber das nahmen die Dissens-Leute in Kauf, ihnen ging es um die “Zerstörung von Identitäten”, wie sie schreiben. Das Ziel einer “nichtidentitären Jungenarbeit” sei “nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge.“«.

René Pfister (im SPIEGEL 1/2007)

Hier ist Zerstörung der angeborenen Geschlechtsidentität eine aktiv induzierte Depersonalisation. Phänomene einer solchen Selbstentfremdung, also ein Sich-selbst-Fremdwerden im weiteren Sinn, sind charakteristisch für psychische Krankheiten.[5] Zu ihnen zählen die Borderline-Störung und schlimmstenfalls die Schizophrenie. Darüber schreibt der Psychiater Thomas Fuchs:

“Für ein Verständnis dieser Erkrankung, das über die bloße Symptombeschreibung hinausgeht, ist daher eine philosophisch  fundierte  Psychopathologie  unabdingbar.  Umgekehrt  müssen  die  schizophrenen Störungen des Selbsterlebens für jede Philosophie der Subjektivität von zentralem Interesse sein, die ihre Konzepte von Selbstbewußtsein, Personalität oder Intersubjektivität an empirischen Phänomenen überprüfen will.
Die zentrale Rolle des Selbsterlebens für die schizophrenen Psychosen war von Psychiatern bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts betont worden. Kraepelin (1913, 668) charakterisierte die Schizophrenie als „eigenartige Zerstörung des inneren Zusammenhanges der psychischen Persönlichkeit“  und  als  „Zersplitterung  des  Bewußtseins“  („Orchester  ohne  Dirigent“). Bleuler, der der Krankheit den heutigen Namen gab, sah ihre „[…] elementarsten Störungen in  einer  mangelhaften  Einheit,  in  einer  Zersplitterung  und Aufspaltung  des  Denkens,  Fühlens und Wollens und des subjektiven Gefühles der Persönlichkeit“ (Bleuler 1983, 411).”

Thomas Fuchs, Selbst und Schizophrenie, DZPhil, Akademie Verlag, 60 (2012) 6, 887.

Auf solche Störungen des Selbsterlebens deutet es hin, wenn jemand ernsthaft bestreitet, es gebe objektiv Männer und Frauen, Familie oder Völker. Seine Meinung über andere widerspiegelt nämlich sein eigenes Selbsterleben: Er schließt von sich auf andere. Sein basales Selbsterleben dürfte gestört sein:

“Die phänomenologisch orientierte Psychopathologie der letzten Jahrzehnte hat diese Konzepte durch subtile Analysen des basalen, präreflexiven Selbst- und Welterlebens erweitert, das bei den Patienten meist schon vor dem Ausbruch der Krankheit in der akuten Psychose tiefgreifend verändert ist (Blankenburg 1971, Saß u. Parnas 2003, Stanghellini 2004, Fuchs 2000, 2005). Entscheidend für das Verständnis der Erkrankung ist demnach aus phänomenologischer  Sicht  weniger  die  so  genannte  „produktive“  Symptomatik  der  akuten  Phase  (das heißt Wahnideen und Halluzinationen) als vielmehr die schleichende Aushöhlung des leiblichen Selbsterlebens, Wahrnehmens und Handelns, die in unauffälligen Vorstadien häufig bis in die Kindheit der Patienten zurückreicht.”[6]

Fuchs S.888

Die Psychiatrie unterscheidet das basale Selbsterleben der eigenen Person vom darauf aufbauenden Selbstkonzept. Dieses Selbstkonzept bildet das kleine Kind

“durch die Fähigkeit, andere als intentionale Agenten zu verstehen und ihre Perspektive nachzuvollziehen (Perspektivenübernahme); –    durch ein höherstufiges Bewußtsein der eigenen Zustände und Erlebnisse (introspektives oder reflexives Selbstbewußtsein); –    des weiteren durch die Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen zu verbalisieren und zu kohärenten Geschichten zu verknüpfen (narrative Identität); –    schließlich  durch  ein  begriffliches  und  autobiographisches  Wissen  von  sich  selbst.”[7]

Fuchs S.890

Schizophrenie ist eine tiefgreifende Störung des basalen Selbsterlebens. Nur  ein  Wesen  mit  einem  primären  Selbsterleben  ist  in  der  Lage,  sich selbst  auch  aus  der  Sicht  der  anderen  zu  sehen,  Geschichten  von  sich  zu  erzählen  und  ein Selbstkonzept zu entwickeln. Dieses Selbstkonzept bildet seine Identität in Abgrenzung zu anderen Personen. Analog dazu gibt es Selbstkonzepte ganzer Familien und Völker. Das Selbstkonzept der Deutschen ist zur Zeit hart umkämpft.

Bei einer basalen Störung des individuellen Selbsterlebens löst sich das Selbstkonzept auf:

“Es kommt zu einer Entfremdung selbstverständlicher Handlungsvollzüge und Wahrnehmungen, die sich auch als pathologische Explikation bezeichnen läßt (Fuchs 2001, 2011).   Die Explikation des Selbstverständlichen ist an sich eine häufige Erfahrung. Wenn man eine Wahrnehmungsgestalt in ihre Einzelelemente auflöst, also diese Elemente expliziert, sieht man sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Betrachtet man zum Beispiel die Merkmale eines Gesichts einzeln oder aus zu großer Nähe, so geht die Wahrnehmung des Gesichtsausdrucks  insgesamt  verloren. “[8]

Fuchs S.692

Die gestörte Gestaltwahrnehmung, bei der man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, ist auch eines der zentralen Merkmale des philosophischen Dekonstruktivismus. Die Parellelen sind drastisch:

“In der Wahrnehmung manifestiert sich die Entfremdung der Leiblichkeit in einer Störung der  Fähigkeit,  vertraute  Gestalten  und  Muster  zu  erkennen,  verbunden  mit  einer  Fragmentierung des Wahrgenommenen und einer Überfülle von Details. Auch hier kommt es also zu einer pathologischen Explikation: […]
Die Auflösung von Gestaltzusammenhängen resultiert in einem Verlust vertrauter Bedeutsamkeiten und führt so zu einer grundlegenden Fragwürdigkeit der wahrgenommenen Welt.”[9]

Fuchs S.694

Der Betroffene verliert auch das Gefühl für grundlegende soziale Sinnbezüge:

“Die  Grundstörung  der  Schizophrenie  läßt  sich  als  eine  Schwächung  des  basalen  Selbstgewahrseins beschreiben, die zunächst das präreflexive, selbstverständliche In-der-Welt-Sein erfaßt. […] Integrale Wahrnehmungsgestalten lösen sich auf, störende Details treten in den Vordergrund, und die wahrgenommene Welt verliert zunehmend ihre vertrauten Sinnbezüge. Schließlich werden auch die Beziehungen zu den anderen fragwürdig, und die fraglose Teilnahme an der gemeinsamen Lebenswelt und ihrem „Common Sense“ mißlingt.

Fuchs a.a.O.

Zu diesem Common Sense gehört zentrale die Wahrnehmung der übrigen Menschen, sozialen Gemeinschaften wie einer Familie oder einem Volk anzugehören.

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Fragmentierung und Auflösung sozialer Einheiten im Dekonstruktivismus

Wie sich die einzelne Person in der Schizophrenie auflöst, fragmentiert und teile von sich abspaltet, lösen sich gesellschaftliche Zusammenhänge im Dekonstruktivismus auf. Der Zusammenhalt geht durch Fragmentierung verloren. Teile spalten sich ab. Intrasystemische Konflikte werden durch Schuldzuweisungen nach außen, durch Schuldzuweisung und Kultivierung von Feindbildern gelindert.[10] Wie ein kranker Einzelner quasi einen Teil seiner Persönlichkeit von sich abspaltet, um die Integrität des basalen Selbst zu retten, vermag die Gesellschaft insgesamt emnen ihrer Teile Schuld zuzusprechen und ihn abzuspalten, zum Beispiel indem jener Teil zu Ketzern, Parias, Untermenschen oder Nazis erklärt wird.

Was in einer funktionierenden Gesellschaft als unverzichtbarer Funktionsteil des Ganzen galt, wird dekonstruiert. Statt einer Synthese gesellschaftlicher Teile findet eine „Zertrümmerung durch Angriffe“ statt, die

„alles, was vorher als organisiertes Ganzes gedacht werden konnte (Person, Geschichte, Natur) in Teile oder Fragmente, die nicht mehr in notwendigen Beziehungen zueinander standen,“[11]

Panajotis KONDYLIS, Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform, Weinheim 1991, S.66 f.

verwandelt. Der Philosoph Kondylis (1943-1998) erklärt,

„Während in der bürgerlichen Harmonievorstellung der Teil immer Teil des Ganzen war und von dieser Beziehung zum ganzen lebte, welches seinerseits erst durch den Vielfalt und den Reichtum seiner Teile zum wahren Ganzen wurde, verselbständigen sich nun der Teil und das Fragment.“[12]

Kondylis S.67

Die Fragmentierung des Wahrgenommenen und die Überfülle von Details beim Schizophrenen haben wir oben schon erläutert. Die analoge Erscheinung tritt gesellschaftlich auf unter Geltung der analytischen Denkfigur, die dem Dekonstruktivismus zugrundeliegt:

„Eine Einzelheit, ein isoliertes Ereignis, ein Augenblick, ein Eindruck werden zu würdigen Gegenständen gründlicher Betrachtung, wobei man immer wniger nach dem notwendigen Einordnungsrahmen und immer mehr nach der ureignen Tiefe und Bedeutung des jeweiligen Teils oder Fragmnts fragt oder wenigstens be ihm verweilt, selbst wenn man den Verlust des Ganzen beklagt.
Die Auflösung der bürgerlichen Normenhierarchie […] gestattete es zudem, daß Gegensätze, die früher als unüberbrückbar empfunden wurden (Gutes und Böses, Schönes und Häßliches, Rationales und Irrationales, Notwendiges und Zufälliges, Männliches und Weibliches etc.) nun als Sprosse aus derselben Einen Wurzel betrachtet werden konnten.“[13]

Kondylis S.67

So verfällt der Blick für das Prägende jeder sozialen Gestalt, ja sogar der biologischen Identität in Mann und Frau,

„auf jeden Fall durften sie als gleichberechtigte Größen nebeneinander auf den Plan trten, deren jede sich gegebenenfalls in ihr Gegenteil verwandeln ließe.“[14]

Kondylis S.67

So besagt der auf dem Konstruktivismus basierende Genderismus, daß „alle Menschen oberhalb des Halses alle gleich sind“, wie der Engländer Douglas Murray spottet:

 „Die Lehre unserer Zeit besagt, daß alle Menschen gleich sind und daß Rasse und Geschlecht und vieles mehr nichts weiter sind als soziale Konstrukte; und daß jeder werden kann, was immer er sein möchte.“[15]

Douglas MURRAY, Wahnsinn der Massen, Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften, 2019.S.223.

Konstruktivist ist, wer sprachliche Begriffe und die von ihnen bezeichneten sozialen Phänomene als bloße gesellschaftliche Konstruktionen bezeichnet, letztlich als Resultate sprachlicher Konvention. Begriffen wie Familie, Mann, Frau oder Nation wird ihr realer Gehalt abgestritten, indem sie als bloße gesellschaftliche Konstruktion – Hirngespinst gewissermaßen – bezeichnet werden. Dekonstruktion ist eine

„Strategie der Subversion und Destabilisierung gegenüber den Geltungsansprüchen traditioneller – einschließlich kritischer – Theorien, Disziplinen und Paradigmen.“[16]

Nieter NOHLEN, Dekonstruktion, in: Lexikon der Politikwissenschaft, 2010, Spalte 131.

Studiengänge wie „Black Studies“, Womans Studies“ oder „Queer Studies“ schossen in den USA aus dem Boden.

„In den vergangenen Jahrzehnten war es die oberste Priorität dieses akademischen Fachbereichs, […] alles anzugreifen, zu unterminieren und letzten Endes niederzureißen, was zuvor als sichere Erkenntnis galt, und dazu zählte auch biologisches Wissen. Aus dem Wissen, daß es zwei verschiedene Geschlechter gibt, wurde die These, daß es zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten – neudeutsch: Gender – gibt. Von diesem Punkt war es nur noch ein kleiner Schritt zu einer – zumindest an den Universitäten – weit verbreiteten Schlußfolgerung, die da lautete, daß es gar kein Gender gibt. Gender ist folglich nichts Reales, sondern ein ‚soziales Konstrukt‘.“[17]

Murray S.76

Damit stimmen für Genderisten ihre Paradigmen überein mit der Realität – ihrer „Realität“. Sie schaffen sich ihre eigene, höchst individuelle und private Realität und leugnen die Existenz einer objektiven, alle Menschen überspannenden Wirklichkeit.

Leider bemerken sie in ihrem Jubel nicht den Unterschied zwischen einem realen Phänomen und dem Begriff, den wir ihm verpassen. Daß alle abstrakten Begriffe bequeme Etiketten sprachlicher Verständigung und wie soziale Paradigmen nur gedankliche Konstruktionen sind, abstrakte Leitplanken unseres Denkens, Hilfslinien auf unseren geistigen Landkarten, ist ein so alter Hut, daß er rund 600 Jahre in die Geschichte der Metaphysikkritik zurückreicht. Auch wenn ein Dekonstruktivist das Wort Hund dekonstruiert und klarstellt, daß Hund nur ein Hauch der Stimme ist, ein abstrakter Begriff, kann Nachbars Hund Lumpi ihn trotzdem kräftig beißen. An Begriffen und Paradigmen kann man dekonstruieren, soviel man will: Man wird die realen Phänomene nicht los. Die Mitglieder einer Familie laufen nicht in alle Welt davon, weil man ihnen erzählt, daß das Paradigma des Familienzusammenhalts bloß auf gesellschaftlicher Konvention beruht und nichts als ein Konstrukt ist.

Zu den realen Phänomenen gehören vielerlei Gesamtheiten: Es gibt nicht nur einzelne Bäume, sondern auch Wälder. In einem Wald stehen viele Bäume miteinander in wechselseitiger Beziehung, auch durch die Wurzeln in physischer. Dekonstruktivisten vermögen vor lauter Bäumen keinen Wald zu sehen.

Ein Ganzes ist oft mehr als die Summe seiner Teile. Es hat eine ganz eigene Gestalt und gehorcht eigenen Gesetzmäßigkeiten. Diese gehen oft kategorial über die Gesetze hinaus, die für seine Bestandteile gelten. So besteht zwar ein menschlicher Körper aus Einzelteilen wie Atomen. Diese lassen sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Chemie beschreiben. Als ganzer Mensch ist er aber auch höheren Gesetzmäßigkeiten wie denen der Biologie unterworfen.

Wer komplexe Gebilde nicht mehr als solche wahrnimmt, erkennt auch nicht die Gesetzmäßigkeiten, denen solche Gbilde in ihrer Komplexität unterliegen. Ein Vogelschwarm gehorcht weitergehenden Gesetzen als ein Vogel, eine Brücke anderen physikalischen Gesetzen als ein einzelner Stein und eine Gruppe anderen als ein einzelner Mensch.

Alle solche Gesetzmäßigkeiten treten erst auf einer jeweils höheren Organisationsstufe auf. Sie sind dabei objektiv vorhanden und unabhängig von menschlicher Konvention. Menschen mit gestörter Gestaltwahrnehmung nehmen soziale Gesamtheiten nicht wahr und behaupten, diese seien nur sozial konstruiert.

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Die Destruktion der Gesellschaft

Wie bei einem psychisch Erkrankten die Persönlichkeit sich auflöst und ihr Zusammenhalt verlorengeht, werden im Konstruktivismus soziale Zusammenhänge dekonstruiert, fragmentiert und aufgelöst. Das Verständnis für den Sinn sozialer Einheiten geht verloren. Der Psychiater Mantzos resümiert, hier werde nicht das Subjekt von seinen Ketten befreit, sondern von der „Last des Subjektseins“:

„Suche nach Konsistenz, Sinn und innerer Übereinstimmung erweist sich als Hindernis auf dem Weg zu neuartigen Synthesen von Subjekt und Gesellschaft. Das Subjekt ist der Gesellschaft gewissermaßen zu altmodisch, zu wenig plural, zu langsam und nicht flexibel genug, um den modernen Anforderungen gerecht zu werden.“[18]

Mentzos S.52

Am Ende stehe ein Subjektivismus als Glaube, „die Wirklichkeit würde nicht unabhängig vom Betrachter bestehen.“[19] Der Genderismus formuliert das so: Geschlechter bestünden nur in der Vorstellung des gesellschaftlichen Betrachters, der sie konstruiere und sich mit anderen konventionell darauf einige, sie als verschieden zu betrachten.

So zerfällt die objektiv vorhandene Welt in nicht mehr kohärente Einzelteile.

„Mangel an Kohärenz und Fragmentierung in gleichwertige und austauschbare Größen bedeutet aber unbegrenzte Kombinierbarkeit dieser letzten miteinander, also beliebige Konstruierbarkeit der Welt. Wird nun das, was früher als Ganzes und Synthese erschien, einmal fragmentiert und zerstückelt, so muß es schließlich in Atome zerlegt werden.“[20]

Kondylis S.67

Diese gesellschaftlichen „Atome“ sind die einzelnen Menschen als wahllos austauschbare Grundbausteine der Massengesellschaft – wie die einzelnen Sandkörner einer Sandburg. Sie verlieren ihre Identität als Angehörige übergeordneter sozialer Einheiten wie Familien und können wie ein beliebiges Flickwerk („Patchwork-Familie“) zusammengwürfelt werden. Verloren geht mit den höheren sozialen Einheiten wie „Volk“ auch der Teil der persönlichen Identität als Angehöriger eines Volkes, eingebettet in eine identitätsstiftende Heimat. Verloren geht jeder historische Bezug, denn die fragmentierten und abgespaltenen Menschen-Atome haben für sich genommen keine Geschichte.

Wenn die Fragmentierung, Abspaltung und Auflösung einer Person in der Schizophrenie eine Erkrankung ist, wovon Psychiater überzeugt sind, hat diese auf sozialer Ebene ihre Entsprechung: Wenn hinreichend große Teile des sozialen Ganzen sich abspalten, das Ganze auflösen, sich in Szenen und Milieus fragmentieren und den anderen Fragmenten grimmig gegenüberstehen, darf von einer Psychopathologie dieser Gesellschaft gsprochen werden.


[1] Stavros Mentzos, Die bemerkenswerte Korrespondenz zwischen der Selbst-Fragmentierung in der Psychose und der Dezentrierung und Inkonsistenz in der Postmoderne, in: Günter Lempa und Elisabeth Troje (Hrg.), Gesellschaft und Psychose, Göttingen 2002, S.50-67 (59).

[2] Mentzos a.a.O. S.50.

[3] Burkhard Voß, Deutschland auf dem Weg in die Anstalt, Münster 2015, S. 135.

[4] Mentzos a.a.O. S.58.

[5] Thomas Fuchs, Selbst und Schizophrenie, DZPhil, Akademie Verlag, 60 (2012) 6, 887.

[6] Fuchs a.a.O. S.888.

[7] Fuchs a.a.O. S.890.

[8] Fuchs a.a.O. S.692.

[9] Fuchs a.a.O. S.694.

[10] Mentzos S.58.

[11] Panajotis Kondylis, Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform, Weinheim 1991, S.66 f.

[12] Kondylis a.a.O. S.67.

[13] Kondylis a.a.O. S.67.

[14] Kondylis a.a.O. S.67.

[15] Douglas Murray, Wahnsinn der Massen, Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften, 2019.S.223.

[16] Nieter Nohlen, Dekonstruktion, in: Lexikon der Politikwissenschaft, 2010, Spalte 131.

[17] Murray (2019), S.76.

[18] Mentzos a.a.O. S.52.

[19] Mentzos a.a.O. S.53 nach Klaus Leferingk, Sympathie mit der Schizophrenie, in: M. Zaumseil und K. Leferingk (Hrg.), Schizophrenie in der Moderne, Bonn, S.27-82 (78)

[20] Kondylis a.a.O. S.67.

vendredi, 07 février 2020

Normale Vaterlandsliebe und pathologischer Selbsthaß

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Klaus Kunze

Normale Vaterlandsliebe und pathologischer Selbsthaß

Die verfassungsfeindliche Dekonstruktion des Volkes

Die Zerstörung des Nationalbewußtseins ist Teil einer komplexen Angriffsstrategie. Sie richtet sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, verkörpert durch unseren Staat und und seine Institutionen. Letztes Angriffsziel sind aber nicht bloß der Staat und seine Institutionen, sondern das diesen Staat konstituierende deutsche Volk.

Dieses hat sich das Grundgesetz als Verfassung gegeben. Nach unserem Staatsverständnis sind ein Staat und seine Gesetze für die Menschen da und nicht umgekehrt. Diese Menschen sind das deutsche Staatsvolk.

Linke Kosmopoliten wollen es abschaffen, und zwar nicht nur als Rechtsbegriff, sondern biologisch: Der Linksextremismus ist siegessicher genug, dieses mittlerweile offen einzuräumen:

 „Viele glauben, es sei im Kampf gegen den völkischen Nationalismus und Rassismus der beste Weg, die Begriffe „Volk“ und „Rasse“ theoretisch zu dekonstruieren. Ich glaube, es ist noch wirkungsvoller, Volk und Rasse praktisch durch eine fröhliche Völkermischung aufzulösen. Jene „liebevolle Verschmelzung der Nationen“, von der schon der Philosoph Friedrich Schlegel träumte, vollzieht sich von ganz allein, wenn die Staaten nicht mit Verboten dazwischenhauen. Sie wird in Deutschland von den Völkischen zur Zeit besonders gerne als „Volkstod“ bezeichnet. Der „Volkstod“ ist der ewige Alptraum der Rassisten – sehen wir zu, dass dieser Traum wahr wird! Machen wir alle Grenzen durchlässig, sodass die Kinderlein zu- und miteinander kommen können! Jene „durchmischte und durchrasste Gesellschaft“, die den jungen Edmund Stoiber in Angst und Schrecken versetzte, die brauchen wir!

Michael Bittner, Es lebe der Volkstod! 12.3.2015

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Haßpropaganda gegen das eigene Volk!

Die „theoretische Dekonstruktion“ besteht darin, die tragenden Elemente der Idee zu zerstören, es gebe ein Volk. Diese tragenden Elemente sind begriffliche Kategorien, die ihrerseits gesellschaftliche Wirklichkeit widerspiegeln: So wiederspiegelt der Begriff der Familie es, wenn in der Lebenswirklichkeit Vater, Mutter und Kinder zusammenleben und füreinander einstehen. Der Begriff enthält eine deskriptive Komponente, soweit er nur die Realität beschreibt, aber auch eine normative Komponente.

Weil Menschen gemeinsam eine Familie bilden, sollen sie füreinander einstehen. Was für die Familie als kleinen Baustein gilt, ist für das Große und Ganze die Grundlage unserer Vorstellung einer das ganze Volk umspannenden Solidargemeinschaft. Diese Vorstellung wiederum speist den Sozialstaatsgedanken als Forderung, in unserem Staate solle, wie in einer Familie, niemand hängengelassen werden.

Wie man es dreht und wendet: Ohne den Begriff und die Vorstellung eines Volkes mit allen sich daraus ergebenden normativen Einstandspflichten füreinander ist ein Sozialstaat nicht zu begründen und eine Demokratie als Volksherrschaft schon gar nicht. Wer das Volk abschaffen will, ist darum offener Verfassungsfeind.

Die Strategie der Delegitimierung

Die solidarische Verbundenheit aller Angehörigen der deutschen Nation erwächst aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Also nutzt die beabsichtigte Zerstörung des Volkes die Strategie, das Volk und die sich aus ihm durch gemeinsames Bewußtsein gebildete Nation begrifflich in Mißkredit zu bringen.

Das Volk und die Nation werden bewußt verunglimpft, indem jede Liebe zum Volk als völkisch und jede Vaterlandsliebe als Nationalismus bezeichnet und diese Begriffe wieder implizit als mit der nationalsozialistischen Ideologie dargestellt werden.

Begriffliche Trennschärfe ist nicht gerade Kennzeichen des gegenwärtigen politischen Diskurses, sofern man überhaupt den Begriff Diskurs für die öffentliche Austragung und den Wettbewerb divergierender Meinungen anwenden kann. Man hat eher den Eindruck von verbalen Schlammschlachten, die seitens der Vertreter der politisch korrekten Elite lediglich zur Verunglimpfung Andersdenkender sowie zu ihrer eigenen moralischen Selbsterhöhung beitragen sollen. Das offensichtlichste Beispiel: Die ständige Wiederholung der Begriffskombination Nationalismus/ Rassismus/ Antisemitismus beabsichtigt einen Zusammenhang herzustellen, der abwegiger nicht sein könnte. Es liegt auf der Hand. Die Nachbarschaft schmutziger Wörter verunreinigt einen Begriff wie Nation und verhilft zu dessen assoziativ erwünschter Diskreditierung. Die Überwindung des Nationalen wird so uminterpretiert zur Überwindung von Unmenschlichkeit und nazigeprägtem Denken. Das Bekenntnis zur eigenen Nation wird – bewusst unscharf – zugleich semantisch gleichgesetzt mit Nationalismus, baugleich mit Chauvinismus. Wer national denkt, ist folglich genotypisch ein Chauvinist, ein überheblich Vorgestriger, den es zu bekämpfen gilt.

Josef Hüber, Nationalbewußtsein – Brutstätte reaktionärer Gesinnung? Blogartikel 5.2.2020

Wem das klare begriffliche Denken noch nicht abhanden gekommen ist, sieht zwischen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus keinen Zusammenhang. Er erkennt den gehässigen Dreiklang als das, was er ist: als eine Propagandaphrase der Delegitimierung und Dekonstruktion.

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Eine zeitgenössische Illustration zum Zug auf das Hambacher Schloss im Mai 1832.

Nationalismus ist Freiheitsliebe

Vielleicht sollte nicht seltener als diese Propagandaphrase zu hören sein und nötigenfalls wiederholt werden:

Ein allgemeiner, als universelles Gestaltungsprinzip gemeinter Nationalismus knüpft an das Bedürfnis jedes Menschen an, individuell und kollektiv entsprechend der eigenen Identität leben zu dürfen. Er fordert darum im Einklang mit dem internationalen Völkerrecht, daß jede Nation selbstbestimmt über ihre kollektives Schicksal entscheiden dürfen und können soll.

Der israelische Theologen Yoram Hazoni äußerte sich dazu in einem Kongreß am 4.2.2020 zum Begriff der Nation:

Aus ihrem Vorhandensein folge wie aus dem Vorhandensein der Familie eine Verpflichtung, die der Einzelne nicht in Abrede stellen könne, da ihm die Nation wie die Familie vorgehe. Der einen wie der anderen verdanke er seine Existenz, auch seine individuelle Freiheit. Denn ohne die Macht, die die Nation konstituiere, und ohne das Recht, das sie begründe, könne es keine Freiheit geben. Wer diesen Grundsatz verfechte, könne durchaus als „Nationalist“ bezeichnet werden. Wie schon in seinem vielbeachteten Buch The Virtue of Nationalism versuchte Hazoni, auch hier den Begriff zu rehabilitieren und beharrte darauf, daß er heute unzulässig verengt werde.

Das Eintreten für die eigene Nation bedeute gerade nicht, daß man den Übergriff auf andere Nationen gutheiße. Im 21. Jahrhundert müsse es vielmehr darum gehen, eine „Bruderschaft“ von Nationen zu begründen, die ihre Unabhängigkeit verteidigten und gleichzeitig dort zusammenstünden, wo das notwendig sei, angesichts der Gefahren, die von vielen Seiten drohten.

Karlheinz Weißmann, Kongreßbericht 5.2.2020, Kongreß Internationale der Nationalen,

Ohne die Nation als beschirmendes Dach über den einzelnen Menschen kann keiner dieser Einzelnen seine Freiheit entfalten.

Begrifflich versteht man hingegen unter Chauvinusmus eine Überheblichkeit, die anderen Nationen den Wert abspricht.

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Sängerfest in Tallinn – für viele Esten Teil ihrer nationalen Identität (imago images / Scanpix / EESTI MEEDIA / MIHKEL MARIPUU)

Vaterlandsliebe

Und Patriotismus ist schlicht ein anderes Wort für Vaterlandsliebe. Vaterland ist eine Metapher. Solche Wortbilder erkennt man daran, daß sie keinen konkreten Einzelgegenstand bezeichnen. Begriffe wie das Meer, die Natur oder das Vaterland bezeichnet nichts unmittelbar Gegenständliches, sondern fassen viele konkreten Einzeldinge in der Vorstellung zusammen. Das Wort Vaterland bringt auf einen Begriff, was Menschen sich darunter vorstellen.

Diese Vorstellung der Menschen bezieht sich wiederum auf – Menschen! Auf wen oder was sollte sie sich sonst beziehen? Wer von seiner Familie spricht, kann deren Mitglieder wohl noch an den Fingern abzählen, meint aber mit dem Wort immer die Summe der konkreten Familienmitglieder. Ideell gilt ihm diese Familie mehr als die numerische Summe der Einzelpersonen. Und wer von seinem Vaterland spricht, meint damit im Zweifel nicht die hübschen Hügel und Täler, sondern die ihm verbundenen Menschen.

Vaterlandsliebe ist – Liebe! Das ist vielleicht für manche Irregeleitete eine verblüffende, aber doch auch eine banale und selbstverständliche Feststellung. Sie ist Liebe und damit eine grundsätzliche und starke emotionale Verbundenheit mit den Menschen, denen man sich nah fühlt. Wer sie empfindet, erweitert seine familiäre Solidarität ganz einfach auf die ihm vertrauten Menschen seiner Heimat und seines Landes.

Mit ihnen kann er sich identifizieren, weil sie seine Sprache sprechen, kollektive Erinnerungen mit ihm teilen und mit ihm mehr oder weniger weitläufig verwandt sind.

Jeder Mensch bildet eine Identität heraus, die ihn von anderen unterscheidet, zu der aber auch ein kollektives Identitätsgefühl gehört. Ein Willi Schulze ist erstens Willi, zweitens aber dann ein Schulze. Er zählt sich – kollektiv- zu dieser Familie. Er lernt Muttersprache und Vaterlandsliebe. Der Dank, den er seinen Eltern schuldet, gibt er seinen Kindern zurück. Daß er von der Wiege bis zum Berufsbeginn von der staatlich verfaßten Solidargemeinschaft behütet und geleitet wird, gibt er ihr durch Steuerzahlen, Bürgersinn und Solidarität zurück.

Es gibt auch pathologische Exemplare, bei denen die positive Persönlichkeitsbildung fehlschlägt, die sich selbst und ihre Identität hassen. Wer sich selbst haßt und keine von ihm selbst bejahte Identität aufbauen konnte, der haßt und verneint auch die kollektive Identität, der er angehört.

Eigenliebe, Familienliebe und Vaterlandsliebe sind Grundvoraussetzungen für geistige Gesundheit. Selbsthaß, Ablehnung der eigenen Eltern und Haß auf das Vaterland sind sichere Anzeichen für eine psychopathisch gestörte Persönlichkeit. Wer andere Menschen haßt, kann selbst psychisch und emotional nicht gesund sein.

Wer Vaterlandsliebe mit einer wie auch immer gearteten Art von Haß gleichsetzt, will betrügen. Die Strategen dieses Betruges manipulieren Begriffe, deuten sie um und hämmern ihre Parolen dem Publikum immer wieder ein.

Wir sollten ihnen nicht zuhören.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf Klaus Kunzes Blog: http://klauskunze.com/blog/2020/02/05/normale-vaterlandsl...